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Die Raidwanger Abferkelbucht in der Praxis

Von den 2,3 Mio. in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Sauen sind über 90 % während der Säugezeit in Kastenständen fixiert. Dieses bedeutet, dass bei 2,4 Würfen im Jahr und 4 Wochen Säugezeit eine Sau mehr als 2 Monate im Jahr nur über eine sehr eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit verfügt. Diese Bewegungseinschränkung verursacht häufig große Probleme bei den Tieren, die sich in Schwergeburten, MMA-Erkrankungen und Verdauungsstörungen nach der Geburt zeigen. Die Schwerfälligkeit hochtragender Sauen wird durch den Bewegungsmangel noch verstärkt. Das Ergebnis sind hohe Erdrückungsverluste bei den Ferkeln durch das unkoordinierte Verhalten der Sauen besonders in den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt.

Bei der Entwicklung der Raidwanger Abferkelbucht im Nürtinger System ging man der Frage nach, inwieweit gerade ferkelführenden Sauen ein höheres Maß an Bewegung gewährt werden kann, ohne dabei höhere Ferkelverluste durch Erdrücken hinnehmen zu müssen.

In unseren Untersuchungen konnten wir feststellen, dass ferkelführende Sauen mit ausreichenden Bewegungsmöglichkeiten eine wesentlich kürzere Geburtsdauer hatten und nur in Ausnahmefällen MMA-Probleme auftraten. Daneben wurden bei den Sauen in keinem Fall Verdauungsstörungen nach der Geburt festgestellt, da die Sauen neben der Bewegung die Möglichkeit hatten, den eigenen Kotplatz vom Geburtsort der Ferkel zu trennen.

Die Mutter-Kind-Beziehung zwischen der Sau und den Ferkeln war gefestigter, weil die Sau nach der Geburt zu jedem einzelnen Ferkel Schnauzenkontakt aufnehmen konnte. Die Bedeutung dieser beginnenden Beziehung ist in der Kastenstandhaltung nur unzureichend möglich. Nach unseren Untersuchungen ist sie jedoch ein wesentlicher Faktor im Zusammenhang mit den Erdrückungsverlusten.

Eine Sau, die durch den Schnauzenkontakt eine Beziehung zu ihren Ferkeln aufbauen kann, nimmt aktiver am Leben ihrer Ferkel teil. Sie beachtet beim Abliegen wesentlich aufmerksamer ihre Ferkel, als eine Sau, die ständig fixiert ist.

Das mittlere Grundmaß der Raidwanger Abferkelbucht beträgt 2,30 x 2,30 m und teilt sich in einen Ferkel- und einen Sauenbereich auf. Der Ferkelbereich ist ausgestattet mit einem Ruhebett für Saugferkel. Das Ruhebett steht parallel zur Seitenwand und wird durch eine Deckelheizung auf 38 – 42° C erwärmt um den Ansprüchen der Ferkel gerecht zu werden. Dies ermöglicht eine klare Trennung der Temperaturansprüche von Sau und Ferkeln. Das Ruhebett ist durch ein Schutzgitter vom Bereich der Sau abgetrennt.

Innerhalb des Schutzgitters sind ein fixierter Ferkeltrog und eine Warmwassertränke (Temperatur des Wassers 25 – 30° C) für die Ferkel angebracht. Die Wärme des Ruhebettes sorgt dafür, dass sich die Ferkel nach jedem Säugen schnell wieder dorthin zurückziehen können. Dadurch werden das Ruhen am Gesäuge der Sau und die häufig damit verbundenen Erdrückungsverluste erheblich reduziert.

Der Sauenbereich unterteilt sich in Fress-, Liege- und Kotbereich. Das Schwein ist das einzige Haustier, das einen Kotplatz anlegt. Daneben hat es immer das Bestreben, möglichst weit entfernt vom Fressbereich zu koten. Ist das Platzangebot ausreichend, wird der hintere Teil der Bucht, also der dem Futtertrog gegenüberliegende, als Kotbereich genutzt. Dieser Kotbereich ist aus hygienischen Gründen mit Spalten ausgelegt. Der Liege- und Fressbereich ist eine planbefestigte Fläche. Die dem Ruhebett gegenüberliegende Seite ist erfahrungsgemäss der Hauptliegeplatz der Sau, weil die Sau instinktiv den Blick auf die Ferkel richtet.

Eine weitere Besonderheit in der Raidwanger Abferkelbucht ist das spezielle Abliegebrett. Um den Abliegevorgang zu verlangsamen und die Erdrückungsverluste zu vermeiden, wurde eine Abliegehilfe in die Seitenwand integriert. Ca. 40 cm über dem Boden wurde mit Hilfe eines 20 cm breiten Brettes im Winkel von 45° eine Fangrinne angebracht. Dadurch wird das langsame Abrutschen der Hinterhand an der Wand vor dem Aufkommen am Boden noch einmal abgebremst. Außerdem entsteht zwischen der Wand und der Fangrinne ein Ferkelschutzbereich, in dem die in Gefahr geratenen Ferkel ausweichen können, ohne erdrückt zu werden. Nach unseren Untersuchungen ist nur mit diesem speziellen Abliegebrett ein verhaltensgerechtes, sicheres und ruhiges Abliegen der Sauen möglich. Weiterhin dient es der Schonung der Gelenke der Sauen und fördert, durch den entstandenen Sichtschutz zu den Nachbarbuchten ein Schutz- und Behaglichkeitsempfinden der Sau. Die Sau gerät deshalb nicht in den Konflikt des „Säugens“ und der „Feindabwehr“. Bei Stangenabtrennungen ist das immer der Fall und führt bekanntermaßen zu Unruhe und zum Versiegen der Milch. Der Trog mit integrierter Tränke wurde an der Stirnseite der Bucht angebracht, also parallel zum Ferkeltrog. Der Nachahmungseffekt soll die Ferkel zum Fressen anregen.

Ebenfalls an der Stirnseite ist eine Strohraufe angebracht. Hierdurch hat die Sau die Möglichkeit, ausreichend Material zum Nestbau zu erhalten und sich während der Säugezeit zu beschäftigen. Erfahrungsgemäss findet dieses Verhalten immer im Bereich der Stirnseite statt, also weit entfernt vom Kotbereich. Der Ablauf solcher Verhaltensmuster ist für das Wohlbefinden der Sau von großer Bedeutung.

In der Raidwanger Abferkelbucht sind alle Bewegungsabläufe der Sauen natürlich ausgeprägt. Gerade in der Zeit vor, während und nach der Geburt zeigen sich Verhaltensweisen, die von den Wildschweinen her bekannt sind. Die Trennung in unterschiedliche Klimabereiche und die Möglichkeiten der Bewegung für die Sauen und Ferkel schaffen die wesentlichen Vorraussetzungen für eine hohe Leistungsfähigkeit der Tiere.

 

 

 

 

 

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